Also eigentlich wollte ich dazu nichts schreiben, geschweige denn eine Meinung veröffentlichen. Bei der Flut von Meinungsäußerern, wird es einem selbst zu blöd eine Meinung zu vertreten.
Ich persönlich glaube auch nicht an ein baldiges versöhnliches Ende. Diskussionen, Gespräche, konstruktive Kompromisslösungen. All das was Demokratie ausmacht, ist bei den radikalen Extremen der Stuttgart 21-Gegner und -Befürwörtern im Moment völlig undenkbar. Die Fronten sind verhärtet und die Köpfe dick. Da kann man soviel schreien und argumentieren wie man möchte. Das merkt man ja schon daran, dass beide Seiten für sich proklamieren für alle Bürger zu sprechen. Ja, da werde ich aber zum Tier. Wer glaubt eigentlich im Ernst daran, dass er MEINE Meinung zu eigen machen kann. Niemand spricht für "den Bürger". Das Recht nimmt sich "der Bürger" ganz gerne selbst heraus. Und meine Meinung soll grundsätzlich erst mal weder von Befürwörtern noch von Gegnern zu eigen gemacht werden, repräsentative Demokratie hin oder her.
Nun aber, warum sollte ich der Sache noch was hinzuzufügen haben. Ja, weil ich zu den sogenannten Befürgegenwörtern gehöre. Einer jenen seltenen Gruppe, der es wirklich völlig egal ist, ob Stuttgart 21 oder Kopfbahnhof 21 realisiert wird. Klar ist nämlich, dass was passieren muss, es stellt sich "nur" die Frage nach dem Wie und somit dem Weg zum Ziel.
Und es ist nun mal so, dass beide Varianten Vor- und Nachteile haben. Das blenden ja beide Seiten gerne aus. Die Befürwörter nennen Vorteile, aber gehen auf Nachteile nicht ein. Die Gegner benennen Nachteile, aber führen keine Vorteile mit an. Und das stört mich ungemein.
Es wäre schön, wenn man objektiv an die Sache rangehen könnte und man wirklich mal Vor- und Nachteile gegeneinander abwiegen könnte. Denn ich glaube der absolute Großteil der Bürger hat keine Ahnung von der Materie. Gefährliches Halbwissen nennt man sowas gerne. Dann eine Meinung zu bilden, ohne die Daten und Faktenlage wirklich beurteilen zu können, ist schwierig bis unmöglich.
Da wäre
Stuttgart 21.
Es werden Flächen in bester Innenstadtlage frei. Ein Traum für jeden Städteplaner. Stuttgart hat nämlich zu wenig Fläche und es ist bekannt, dass Wohnflächen in Stuttgart knapp sind. Das weiß ich sogar aus eigener Erfahrung. Dementsprechend sehe ich es durchweg positiv, dass ein neues, tolles und lebendiges Stadtviertel mitten in Stuttgart entstehen kann. Auch da haben die Gegner natürlich etwas zu bemängeln. Und zwar, dass die Fläche nicht sinnvoll bebaut wird und evtl. leerstehende Gewerbeflächen entstehen. Dem ist aber entgegenzuhalten, dass die Fläche noch gar nicht geplant ist und ich fest daran glaube, dass ein sinnvoller Mix aus Wohn- und Gewerbeflächen entsteht.
Egal wie man es dreht und wendet. Es ist einfach ein Vorteil, dass der Flughafen/die Messe besser angebunden sind. Zu welchem Preis steht auf einem anderen Blatt. Und es ist ein Vorteil, dass Ulm/München besser angebunden sind. Das ist zwar beim Kopfbahnhof 21 auch so, viele Gegner vergessen aber, dass auch bei K21 der Streckenneubau nach Ulm notwendig ist.
Unterführte Gleise entlasten den Bereich der Nackarvorstädte, also Bad Cannstatt und Obertürkheim/Mettingen. Es ist ja nicht so, dass dort niemand wohnt. Stuttgart 21 würde diese Trassen unterirdisch legen, weswegen die bisher oberirdischen Trassen nicht mehr notwendig sind und nicht ausgebaut werden müssen (und es heißt, dass 1998 wegen massiven Bürgerprotesten die Planungen die Trassen dort oberirdisch zu verlegen, geändert werden mussten und stattdessen ein unterirdisch realisiert werden sollten).
Da wäre
Kopfbahnhof 21.
Der Kopfbahnhof in seiner jetzigen Form könnte behalten werden. Der Kopfbahnhof wird immer mehr zu einem seltenen Unikat. Der Charme und die Form die solche Bahnhöfe haben, mit dem Platz und der Möglichkeit ebenerdig die Regional- und Fernzüge zu wechseln ist beim neuen unterirdischen Bahnhof einfach nicht mehr da. Der Kopfbahnhof verkörpert Geschichte und Tradition, viel mehr als es natürlich ein moderner Durchgangsbahnhof zu versprühen mag.
Wie man es auch kalkuliert, sicherlich wäre eine Variante Kopfbahnhof 21, sollte sie denn technisch möglich sein, günstiger sein. Stuttgart 21 ist einfach immens teuer. Es ist ja auch ein extrem umfangreiches Projekt. Auch wenn der Unterschied kleiner wird, wenn man bedenkt, dass die Neubaustrecke nach Ulm auch hier notwendig ist. Nichtsdestotrotz sind die im Moment genannten Maximalkosten von ca. 10 Mrd. Euro eine Menge Geld, das auch in andere Schienenprojekte gesteckt werden könnte.
Die Bauzeit wäre kürzer. Das mit Sicherheit. Der Bahnhof müsste nicht massiv umgebaut werden, sondern nur die Schienenzuführung. Zwar müssten auch in dem Fall neue Tunnel gebaut werden, allerdings nicht in den Umfang wie bei Stuttgart 21.
Das sind zumindestens für mich die zentralen Positionen der beiden Varianten, unabhängig davon dass es hüben wie drüben Experten gibt, die den jeweils anderen Weg als technisch unmöglich deklarieren (weil bestimmte Tunnel nicht gebaut werden können/dürfen, weil bestimmte Trassen nicht mehr in den Neckarvororten ausgebaut werden können, weil es das Gestein an der oder jenen Stelle nicht zulässt usw.). Da glaube ich aber einfach an die Experten, die wissen was sie tun. Ich maße mir nicht an, diese Spezialfachgebiete besser zu beherrschen als sie.
Ich kann beiden Lösungen etwas abgewinnen. Die Kosten sind für mich kein Totschlagargument. Ein schönes Auto kostet auch etwas mehr als der rein vernunftgetriebe Kauf eines eher praktischen Autos. Für mich wichtig ist nur, dass man sich im Diskurs auf etwas festlegt, Kompromisse sucht und dann los marschiert. Und meistens ist weder die eine noch die andere Meinung perfekt. In diesem Sinne lasst uns vor allem über die Zukunft reden, über den Bebauungsplan beispielsweise.